Theater in Second Life

Ist der virtuelle Schauspieler der Bessere?

Ein international besetztes Team rund um den am Bodensee lebenden Regisseur und Künstlerischen Leiter Simeon Blaesi bringt am 10. Mai 2009 ein deutsches Theaterstück exklusiv und ausschließlich in der virtuellen Welt von Second Life auf die Bühne. Das junge Team von Schauspielern und Technikern wagt das Experiment mit der Szene „Dirne-Soldat“ aus Arthur Schnitzlers „Reigen“, regelmäßig und in kurzen Abständen Theater im virtuellen Raum zu zeigen. Es begibt sich damit auf eine Expedition in die doppelte Virtualität.

Blaesis Absicht: Die Chancen neuer Technologien für das Theater zu untersuchen, einzuordnen und aufzuzeigen sowie eine Diskussion über Machbarkeit und Unmöglichkeit, Sinn und Unsinn von Theater in virtuellen Welten auszulösen. Für die technische Umsetzung zeichnet das Team rund um Frank Gaugel von der Agentur bluepill GROUP in Barcelona verantwortlich, die sich auf virtuelle Welten spezialisiert hat.

Mit seinem Projekt tanzt Blaesi einen Drahtseilakt zwischen dem traditionellen Theater und der neuen, technisch-virtuellen Welt, in der die Figuren gesteuert werden können und keine persönlichen Empfindungen mehr zeigen. Er verknüpft zwei Welten, die sich beide im Umbruch befinden: Second life, die Plattform im Internet, noch vor wenigen Jahren viel beachtet, wird mittlerweile aber deutlich nüchterner betrachtet und die traditionelle Form des Theaters, sieht sich ebenfalls einem dramatischen Wandel ausgesetzt: Mittel werden gekürzt, Kosten steigen, viele Spielstätten stehen sogar vor der Schließung oder wurden bereits geschlossen. Und die Besucher? Die bleiben aus, weil sie sich die abgedrehten Phantasien des Regietheaters nicht mehr antun wollen oder anderweitig leichtere Unterhaltung finden.

Wer das Internet nutzt, wer sich auf Second Life einlässt, lässt sich gleichzeitig darauf ein, Neues zu wagen, Pionier zu sein, zu verändern. Darum, so hofft Blaesi, kann sich das Theater in Second Life noch einmal neu erfinden und neue Zielgruppen erschließen. Blaesi stellt fest, dass sich das Internet in mancher Hinsicht sogar besser für die künstlerischen Anforderungen des Theaters eigne, als die reale Welt: „Das Bühnenbild, die Kostüme und Requisiten lassen sich mit erheblich weniger Aufwand erstellen und durch die fast unbegrenzten Gestaltungsmöglichkeiten sind der Fantasie kaum Grenzen gesetzt“. Da auch die Schauspieler, nach den Rollen die sie verkörpern sollen, frei gestaltet werden können, erleichtere das die Arbeit des Regisseurs gegenüber dem Umgang mit den physikalischen Grenzen lebender Darsteller erheblich. Die Gefühllosigkeit des virtuellen Schauspielers, des Avatars, sei aus theaterwissenschaftlicher Sicht ein Vorteil, denn „der menschliche Schauspieler könne nie eine ganz reine Form der Kunst erreichen, spielten doch der eigene Charakter, die eigenen Emotionen und der Egoismus stets in die Figur mit hinein“, erläutert der Kulturmacher.

Den wissenschaftlichen Hintergrund und die theoretische Grundlage für „Reigen“ liefert Blaesis postgraduale Arbeit an der FernUniversität Hagen zum Thema "Theater in einer virtuellen Welt". Die Arbeit untersucht die Machbarkeit von Theater in der virtuellen Welt von Second Life und findet heraus, was das für Funktion und Wirkung, hinsichtlich technischer, psychologischer und gesellschaftlicher Aspekte bedeutet. Blaesis These: Theater kann, wie in der physischen Welt, auch in einer computergenerierten Umgebung erlebbar werden.